Anke
Zunächst möchte ich mich kurz vorstellen: Mein Name ist Anke Schoppmann, ich bin 37 Jahre, wohne seit 2½ Jahren in Bonn, habe von meinem 4. bis zu meinem 27. Lebensjahr gestottert (vorwiegend tonisches Stottern mit Sprechblockaden bei Sprechbeginn und starkem Vermeidungsverhalten) und verfüge über eine abgeschlossene Ausbildung als Logopädin.
Da ich mich als ehemals selbst Betroffene und als Logopädin sehr für die therapeutische Arbeit mit stotternden Menschen in Kleingruppen interessiere, fand ich es toll, an den beiden Therapiewochenenden, die von Jan Heuvel im Sommer 2004 in Bad Honnef angeboten worden sind, teilnehmen zu dürfen.
Die Sprechweise nach Hausdörfer sowie das Buch „Durch Nacht zum Licht” habe ich bereits 1985 in der Bonner Stotterer-Selbsthilfegruppe mit Begeisterung kennen gelernt bzw. gelesen. Das, was ich bis zu diesem Zeitpunkt immer beim Singen und beim gemeinsamen Sprechen der Gebete während des Gottesdienstes in der Kirche für mich erlebt hatte, erlebte ich jetzt zum ersten mal außerhalb dieser Situation: Ich erlebte mich zum ersten Mal fließend sprechend und das sogar vor einer Gruppe mir unbekannter Personen. Diese Erfahrung war so toll für mich, dass ich von diesem Zeitpunkt an nicht mehr daran gezweifelt habe, dass ich irgendwann in jeder Situation fließend sprechen kann und so kam es dann auch. Zunächst habe ich die Erfahrung des fließenden Sprechens für mich durch den regelmäßigen Besuch von Hausdörfer-Seminaren vertieft, immer wieder aufgefrischt und so verinnerlicht, dass das Gefühl, sprechen zu können immer stärker wurde. Ganz wichtig finde ich auch, zu erwähnen, dass ich über die Sprechweise nach Hausdörfer meine Sprechfreude wiedergefunden habe und diese Sprechweise im Rahmen der Seminare auch nicht ngewendet habe, um mein Stottern zu vermeiden, sondern weil es einfach Spaß gemacht hat, sich „tönend” einander mitteilen zu können.
Außerdem bin ich der Überzeugung, dass es gar kein Mangel war, dass ich meinem Vorsatz, im Anschluss an die Seminare auch zu Hause tönen zu wollen, nicht nachgekommen bin. Wahrscheinlich hätte ich im Alltag die Sprechweise nach Hausdörfer letztendlich – anders als während der Seminare, wo es mir Spaß gemacht hat, so zu sprechen – sowieso nur eingesetzt, um mein Stottern zu vermeiden und womit ich dann aber eine wenig hilfreiche Zielsetzung gehabt hätte, um zum natürlichen Sprechen zu gelangen. Ziel kann und sollte es nämlich nur sein, das spezifische Gefühl der Sprechruhe zu erlangen, in der es mir auch ohne Einsatz einer besonderen Sprechweise möglich ist, natürlich zu sprechen und was jede/r Stotternde auch schon aus den Situationen kennt, in denen er/sie nicht stottert, wie z.B. wenn er/sie alleine im Raum ist etc.
Viel wichtiger als das Praktizieren der Sprechweise nach Hausdörfer, wobei es darum geht, Sprechen wieder als das zu erleben, was es ist, nämlich als ein Hörbarmachen der Gedanken, war es stattdessen für mich in den darauf folgenden Jahren, keinem Sprechen mehr aus dem Wege zu gehen und alles zu tun, was ich auch ohne Stottern getan hätte. Das war zwar, wie man sich vorstellen kann, immer wieder mit viel Mut verbunden, aber es hat sich letztlich gelohnt, immer wieder die Angst zu überwinden. Nur so war es mir möglich, immer wieder auch im Alltag die Erfahrung zu machen, dass ich sprechen kann wie jede/r andere auch. Hilfreich für mich auf dem Weg zum natürlichen Sprechen war es auch, meine Wahrnehmung mehr auf die Situationen zu lenken, die „gut” gelaufen waren, um die vielen alten negativen Erfahrungen irgendwann ausgleichen zu können und mir weniger daraus zu machen, wenn mal eine Situation nicht so gut gelaufen war.
Ja und darum geht es bei dem Therapieansatz nach Oscar Hausdörfer, den Jan Heuvel an den beiden Therapiewochenenden im Juli 2004 in Bad Honnef, an denen ich als ehemals selbst Betroffene und in meiner Eigenschaft als ausgebildete Logopädin aus beruflichem Interesse teilgenommen habe, vermittelt und für uns Teilnehmer mit spezifischen Übungen hat deutlich erfahrbar werden lassen.
Es ist wirklich ein großer Irrtum, zu glauben, dass es bei dem Therapieansatz nach Hausdörfer nur ums sogenannte „Tönen” geht!
Ein besonders Aha-Erlebnis waren für mich die Übungen zur Verdeutlichung des Sprechgesetzes, worauf der Therapieansatz aufbaut. Mittels der Übung, in der wir uns zunächst überlegen sollten, was wir sagen wollten und dann diesen Gedanken mit einem Ton hörbar machen sollten ohne dass er zunächst für andere verständlich sein sollte, ist mir klar geworden, dass ich, um Gedanken hörbar zu machen, bewusst wirklich nur den Ton erklingen lassen muss und dass die Bildung der einzelnen Laute und die dafür erforderlichen Bewegungen des Sprechorgane unbewusst von selbst erfolgen. Bei der Übung musste ich mich nämlich richtig anstrengen, dass mein Gedanke, den ich hörbar machen wollte, der aber für die anderen Zuhörer noch unverständlich sein sollte, nicht automatisch verständlich wurde. Ich brauche mir also beim Sprechen gar keine Gedanken darüber zu machen, wie ich mit welchen Bewegungen welche Laute bilde. Es geht nur darum, den Ton laut werden zu lassen. Alles andere – auch die Atmung – sind autonome Vorgänge und laufen von selbst ohne meine Zutun ab, womit auch die alte Angst vor sogenannten schwierigen Buchstaben ihre Grundlage verliert, weil Buchstaben nur gebraucht werden, um Gedanken sichtbar / lesbar zu machen. Für den Sprechvorgang dagegen sind sie völlig unerheblich! Ja und wichtig war eben auch, zu beobachten, dass jede/r der Teilnehmer/innen den Ton, solange er noch ungeformt und unverständlich war, erklingen lassen kann ohne dass es dabei zu irgendwelchen Blockaden oder Unflüssigkeiten gekommen ist und dass damit jede/r die Voraussetzungen für das natürliche prechen mitbringt. Jede/r Stotternde kann im Grunde genommen natürlich sprechen. Ich muss es nicht erst üben, was im Grunde genommen sowieso jede/r Stotternde bestätigen kann, denn jede/r Stotternde kennt Situationen, in denen er natürlich spricht.
In diesem Zusammenhang fand ich es auch interessant, im Rahmen der beiden Therapiewochenenden und nicht weniger im Alltag zu Hause immer wieder – entweder jede/r für sich oder gemeinsam – der Frage auf den Grund zu gehen, warum wir manchmal stottern und dann aber auch wieder nicht, wodurch sich im übrigen die Therapie nach Hausdörfer auch von anderen Therapieansätzen unterscheidet, die in der Regel von den Unterschieden zwischen stotternden und nicht stotternden Menschen ausgehen.
Als Antwort auf diese Frage gibt es im Grunde auch nur eine Antwort: Es ist immer wieder die Angst – die Angst vor Buchstaben, die Angst, stottern zu müssen, die Angst vor den Reaktionen anderer etc. – die das Stottern auslöst verbunden mit einem Gefühl oder dem Gedanken, nicht sprechen zu können und der dadurch fehlenden Sprechruhe.
Insgesamt möchte ich sagen, dass der Therapieansatz nach Hausdörfer so wie ihn Jan Heuvel vermittelt, alles beinhaltet, was meiner Erfahrung als ehemals selbst Betroffene nach notwendig ist, um zum natürlichen Sprechen zu gelangen, wobei niemand vergessen sollte, dass jede/r Betroffene nur in dem Maße Fortschritte erzielt, wie er/sie die Theorie verstanden hat und wie er/sie bereit ist und wie er/sie es schafft, alte Muster (Denkweisen, Gedanken, Verhaltensweisen etc.) durch neue zu ersetzen, so dass es sicherlich individuell ist, wie schnell jede/r das Ziel des flüssigen Sprechens erreicht.
