Ewald

Stottern ist heilbar

Wer kennt das nicht? Das Telefon läutet und du willst nicht rangehen, weil du Angst hast zu stottern. Dein Herz beginnt zu rasen, Schweißperlen sammeln sich auf der Stirn. Schließlich nimmst du den Hörer ab und bekommst kaum einen Ton raus. Die Person am anderen Ende der Leitung wartet, hört nur ein paar unverständliche Laute und legt schließlich den Hörer auf, weil sie eine Störung des Telefons vermutet.
So oder ähnlich ist es wohl schon jedem Stotterer ergangen. Gibt es eine schlimmere Demütigung für einen Stotterer? – Ja! Nämlich zu glauben, dass es für ihn keine Heilung gibt!
Man kann nun mit dieser Situation fertig werden und das beste daraus machen oder aber sagen „So, und jetzt ist Schluss damit. Ich will daran glauben und fest daran arbeiten, dass ich frei werde”. Und wie man das schaffen kann, darüber möchte ich nun kurz schreiben:

Im Internet fand ich eine Homepage über natürliches Sprechen. Als ich so durch die Seiten klickte, wurde mir klar, dass Stottern heilbar ist. Alles war plötzlich so logisch und einfach zu erklären.
Oscar Hausdörfer, selbst ein gequälter Stotterer, erforschte vor gut 100 Jahren das Sprechgesetz, welches folgendermaßen lautet: „Willkürlich Ton, unwillkürlich Mundstellungen”. Und darum ging und geht es beim Seminar „Natürlich sprechen”.

Im April 2005 besuchte ich das Seminar, das in Deutschland (nahe Bonn) stattfand. Nach einer Vorstellungsrunde ging es dann gleich los. Mit übertriebenem „Tönen” lernten wir, auf unseren Ton zu hören, anstatt nur auf die Mundstellungen, Buchstaben oder Wörter zu achten. Denn das unterscheidet einen Stotter von einem Nicht-Stotterer. Ein Stotterer versucht immer, Wörter und Buchstaben zu sagen, doch in der gesprochenen Sprache gibt es diese nicht, nur in der geschriebenen Sprache. Der Stotterer muss also, nach Hausdörfer, beim Sprechen den Ton anfangs bewusst auf ihn hören und steuern.
Solche Übungen machten wir dann den ganzen Tag. Zwischendurch musste jeder mal vor laufender Kamera eine kurze Rede halten – und ich hatte kein einziges Mal gestottert! Weil ich auf meinen Ton hörte, anstatt die Buchstaben und Wörter sprechen zu wollen, konnte ich fließend sprechen. Wir gingen auch in die Stadt und interviewten fremde Leute, dabei hörten wir auf unseren Ton.

Ich konnte also fließend sprechen. Doch ich konnte es zu gut. Ich dachte, jetzt, wo ich nicht mehr stottern muss, brauche ich auch die Hausdörfer Methode nicht mehr anwenden. Nun ja, eine Zeit lang ging das auch gut, doch schon nach wenigen Tagen spürte ich einen leichten Rückfall. Und da kam sie wieder. Die Unsicherheit. Nach und nach fiel ich wieder zurück. Mein Stottern war zwar bei weitem nicht mehr so schlimm wie früher (ich habe damals furchtbar stark gestottert), aber auf jeden Fall war das für mich ein Zeichen, dass es ganz ohne Hausdörfer doch noch nicht geht.
Ich fasste neuen Mut und begann wieder mehr zu tönen. Es ist wichtig, vorallem dann übertrieben zu tönen, wenn du weißt, dass du jetzt sowieso fließend sprechen kannst. Also wo du das Gefühl hast nicht stottern zu müssen (das kennst sicher jeder Stotterer). Es fiel mir sehr schwer, gerade in solchen Sprechsituation übertrieben zu tönen („Jetzt kann ich endlich fließend sprechen und muss gerade jetzt tönen”) – ich wollte es genießen, ohne irgendeine Methode fließend sprechen zu können. Doch man muss seine Waffen in Friedenszeiten schmieden! Dieser Leitsatz sollte einem immer präsent sein.

Auch muss man lernen, seine Ziele neu zu definieren. Bislang wollte jeder Stotterer ja nur eines: fließend sprechen. Doch das ist das falsche Ziel! Das neue Ziel muss absofort lauten: Sprechruhe. Denn durch das Tönen erlangt man Sprechruhe. Und wenn man ruhig ist, stottert man nicht.
Was auch ein Grund für meinen leichten Rückfall war, ist die Tatsache, dass ich mich aufgeregt habe, wenn ich wieder mal stotterte. Aber genau darüber „freut” sich Hr. Stotterer in dir und wird nur mächtiger. Dann wird es immer schwieriger, von ihm loszukommen.

Ich war fünf Wochen nach dem zweiten Seminarwochenende erneut in Deutschland, nämlich beim ersten Aufbautag. Dieser Tag war für mich wunderbar. Ich fasste erneut frischen Mut und konnte dann auch zuhause mit meinem Ton machen, was ich will. Nun kann ich sagen, dass ich auf dem besten Weg bin, frei zu werden. Ich stottere zwar immer noch ein paar mal, aber das regt mich nicht mehr sonderlich auf. Man muss cool bleiben. Was mir auch geholfen hat, bzw. immer noch hilft, ist ein wenig „frech” zu sein. So härtet man sich anderen gegenüber ab und hat somit weniger Angst, mit Menschen zu sprechen und sogar zu tönen. Ich schreibe deswegen „sogar”, weil es nicht selbstverständlich ist, vor allen Menschen zu tönen. Ich habe es mir auch leichter vorgestellt. Anfangs schien alles sehr logisch und einfach. Ist es auch. Doch wenn man die Angst nicht verliert, so hilft alles nichts. Und daran arbeite ich jetzt noch: diese Angst zu verlieren. Angst vor Menschen, Angst vor dem Stottern.

Stottern ist heilbar, das weiß ich. Doch der Weg, den man gehen muss, ist sehr steinig und fordert viel Disziplin und Durchhaltevermögen. „Disziplinübungen” sind da sehr hilfreich. Ich habe mir z.B. vorgenommen, ein halbes Jahr lang keinen Alkohol zu trinken und jeden Tag ein wenig Sport zu betreiben. „Wenn ich das schaffe, dann schaffe ich das andere auch, nämlich frei zu werden!”

Hausdörfers Methode ist für mich bislang die einzig wahre Methode gewesen. Ich hab schon viel probiert, viel Mögliches aber auch Unmögliches. Jeder Stotterer sollte seinen Weg gehen, finde ich und das machen, was er für richtig hält. Ich will keinem Stotterer vorschreiben, er soll Hausdörfer lernen. Es steht jedem frei. Ich kann sie nur wärmstens empfehlen.

Ewald Dorninger (Aschbach, NÖ)