Frank

Mein Erfahrungsbericht der ersten Woche nach dem Hausdörfer Seminar.

Sonntag, 03.04.2005
Bei der Ankunft zu Hause gegen 14 Uhr Töööne ich meine Freundin erst mal so richtig an. Dann erzähle ich ihr mit vielen hörbaren und abwechslungsreichen Tönen von meinem Wochenende. Während dessen basteln wir unsere Hochzeitseinladungen fertig. Den ganzen Nachmittag ziehe ich immer wieder mal die Töne – gerade so, wie es mir gefällt. Gegen Abend machen wir uns auf den Weg, die Einladungen zu verteilen. Ich nutze dies als Gelegenheit meiner Eltern, meinen Tanten und den Eltern meiner Freundin eine ordentliche Portion meiner Tonpalette um die Ohren zu hauen. Ich fühle mich prima dabei, bin Herr der Lage, vertraue meinem „Tönkönnen” und habe eine angenehme Sprechruhe.
Irgendwann auf der Rücktour meint meine Freundin mein Tönen wäre nerviger als mein Stottern. Na dann fällt es ja auf – denke ich und töne munter weiter.

Montag, 04.04.2005
Pünktlich um 6 Uhr erscheine ich auf der Arbeit. Zuerst töne ich unseren Gärtner an, dann einen Kollegen. Der tönt darauf lustig zurück. Die nächsten Kollegen treffen kurz vor 7 ein. Paul, Micha und Christoph wussten von dem Seminar und bemerken mein Tönen direkt. Ich erzähle ihnen von meinem Wochenende. Meinen Ton habe ich immer im Ohr, meine Sprechruhe ist vorhanden. So verläuft der ganze Arbeitstag. Ohne große Hemmungen spreche und töne ich mit unzähligen Leuten. Ich fühle mich sicher, ruhig und souverän.
Nach der Arbeit geht’s ab ins Fitness Studio. Auch dort lasse ich regelmäßig die Töne länger werden. Ich glaube es nervt einige – mich nicht!
Abends um 20:05 Uhr rufe ich Hans-Peter an. Ihm geht es gut – er klingt ruhig und zufrieden. Zum Abschluss des Tages lese ich noch ein wenig in Jans Broschüre und gehe dann zu Bett.

Dienstag, 05.04.2005
Vom vielen Tönen gestern habe ich heute Morgen einen rauhen Hals. Ich nehme mir vor trotzdem weiter zu machen, was mir anfangs auch gelingt. Gegen Mittag verliere ich irgendwie das Gefühl dafür, die Töne zu steuern und zu ziehen. Meine Sprechruhe und das Hören auf den Ton sind aber beides vorhanden. Nachmittags klappt das Tönen auch wieder besser. Gegen Abend treffe ich meine Vermieterin. Ich spreche mit ihr mit angenehmer Sprechruhe – höre aber nicht ganz auf meine Stimme. Das muss besser werden. Später am Abend ruft Martin mich an. Meine Stimme ist da und gut zu hören. Im Anschluss rufe ich Christoph an. Keine besonderen Vorkommnisse.

Mittwoch, 06.04.2005
Der heutige Tag fing genial an: Mein Chef ist heute aus dem Urlaub zurück gekommen. Ohne zu zögern habe ich ihm meine Töne um die Ohren gehauen – keine Reaktion. Später am Tag spricht mich, bei einer Reparatur, der Chef meines Chefs an. Wie selbstverständlich töne ich zurück. Ich komme auch mal ins Stottern, ärgere mich aber nur darüber, nicht auf den Ton geachtet zu haben. Nach der Mittagspause nehme ich noch an einer Betriebsratsitzung teil. Dort sind 8 weitere Kollegen sowie unsere Personalchefin anwesend. Ohne jede Sprechangst bringe ich meine Argumente und Ansichten mit viel Ton in die Runde. Ich bin richtig stolz auf mich. Mir macht nichts etwas aus.
Als ich mich nach der Arbeit, mit meiner Freundin, bei Porta-Möbel über Matratzen informiere höre und spüre ich den Ton auch sehr gut. Ich bin wirklich auf dem richtigen Weg. Ich freue mich sogar schon auf Stresssituationen und Fehler, um mich weiter therapieren zu können. Jedoch fallen mir, nach meinem Chef, seinem Chef und unserer Personalchefin nicht mehr viele Steigerungsmöglichkeiten ein.
Auch wenn es sich verfrüht anhört: Ich fühle mich frei von meinem Stottern. Das heißt nicht, dass ich nicht mehr stottere, aber es macht mir gar nichts mehr aus.

Donnerstag, 07.04.2005
Der heutige Tag beginnt wie die letzten Tage auch. In der Cafeteria unserer Fertigung sitze ich mit den „großen Jungs” an einem Tisch. Zu allem gebe ich meine Meinung und meine Töne dazu. Ich steuere ihn bewusst, manchmal auch so, dass es nicht so stark auffällt. Nach Mittag fragt mich mein Kollege Micha, ob ich nach dem nächsten Wochenende die Worte immer noch so dehnen muss. Er meint es nervt allmählich. Dies finde ich soo klasse, dass ich mir nichts daraus mache aufzufallen.
Von der Arbeit aus geht’s noch mal ins Fitness Studio. Dort treffe ich Thomas, einen ehemaligen Arbeitskollegen. Beim Gespräch mit ihm steuere ich meine Töne ganz bewusst, und manchmal auch etwas übertrieben. Danach frage ich ihn was er denkt und empfindet, wenn ich so töne. Zu meiner Überraschung empfindet er es als angenehm. Jetzt erst fällt ihm ein dass ich ja ein starker Stotterer war.

Am Abend fahre ich zu unserer Selbsthilfegruppe. Dort erzähle ich allen was ich übers Stottern und den Weg zum natürlichen Sprechen gelernt habe. Das Erlernte und Erfahrene sitzt so fest, dass ich alle Zweifel und Einwende die kommen widerlegen kann. Die anderen in der Gruppe sind doch sehr überrascht.
Als ich dann am Abend nach Hause komme und mit meiner Freundin im Bett liege muss ich ihr dass alles noch mal erzählen. Ich fühle mich so gut wie nie zuvor.
Vor lauter Freude kann ich kaum schlafen. Dafür, Jan danke ich Dir aus tiefsten Herzen.

Frank Grün