Marc
Von: Marc Joost
An: Jan Heuvel
Betreff: Seminar Sylt
Gesendet: Mittwoch, den 29. Mai 2002
Ich bin Marc und 27 Jahre alt. Seit März 2002 besuche ich die Stotterer-Selbsthilfegruppe in Bielefeld. Nach einem Seminarwochenende in Bestwig/Sauerland, welches mir sehr gut gefallen hat, habe ich mich ziemlich schnell auch für die Woche in Sylt angemeldet. Jeder, mit dem ich darüber gesprochen habe und selber schon mal da war, hat mir davon vorgeschwärmt. Also war ich sehr gespannt….
Ich hatte gelesen, dass ein Sprachtherapeut aus Holland mit an der Seminarwoche teilnehmen würde. Auch wenn mich mein Stottern/Sprechen schon sehr beschäftigt(e), hatte ich dem eigentlich keine große Beachtung geschenkt bzw. habe keine großen Erwartungen gehabt. Sylt sollte vorrangig für mich die Möglichkeit sein, auszuspannen, neue Leute kennenzulernen und nebenbei natürlich auch an meinem Sprechen zu arbeiten.
Tja, und dann kam Jan Heuvel….
Mit sein erster Satz (Ton….), den Jan sagte, war: “Vergesst alle Eure Techniken.” Ich war wirklich überrascht und sehr skeptisch. (Diese Skepsis sollte sich auch noch 1-2 Tage halten.)
Bisher habe ich 2 Therapien gemacht: 1991 habe ich Del Ferro in Amsterdam und 1998 Greifenhofer in Paderborn besucht. Die Übungen/Technik/Ansatz, die man im Greifenhofer-Institut beigebracht bekam, hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt durchgeführt. Zwar mittlerweile mit keinem großen Erfolg, was das Sprechen vor Fremden bzw. meinem Chef sowie dem Telefonieren anging, aber dennoch hielt ich das für die bisher sinnvollste Art, von meinem Stottern irgendwann loszukommen. Von den anderen Methoden/Techniken (Naturmethode, van Riper) hatte ich noch nichts groß gehört.
Jan legte nach:
- all diese Therapien (Del Ferro, Greifenhofer, ….) und Techniken haben das falsche Ziel vor Augen bzw. den falschen Ansatz: fließend Sprechen zu wollen. “Fließend Sprechen” ist ein Teil des Problems geworden. Kein “normal” sprechender Mensch denkt daran, fließend zu sprechen. Und wir wollen doch als normale Menschen angesehen werden bzw. sind doch auch welche;
- jeder Stotterer kann, wenn er alleine bzw. ruhig ist, sprechen, ohne zu stottern. Desweiteren kann jeder Stotterer ohne Probleme singen. Das Singen funktioniert, da wir nicht an Wörter bzw. Buchstaben denken, sondern nur an die Melodie, an den TON;
- jedes Kleinkind kann, ohne schreiben und lesen zu können, einen TON erzeugen;
- das Tönen ist das einzig Natürliche am Sprechen.
Also müssen die Ziele ausgetauscht werden:
- Anstatt fließend sprechen zu wollen, müssen wir an unserer Ruhe arbeiten.
- Es gibt keine Buchstaben und Wörter, sondern nur Ton.
Jan zeichnete einen Tempel bestehend aus 3 Säulen auf. Neben der 1. Säule (Ziele austauschen) standen die weiteren Säulen für “Ton steuern” und “Phlegma / sich nichts daraus machen / sich nicht aus der Ruhe bringen lassen”. Das Fundament besteht dabei aus der Gewissheit: ich weiß, ich kann tönen / Ich ärgere mich nicht über das Stottern. Das Dach dieses Tempels besteht aus üben, trainieren und gesundem Lebenswandel.
Alles gehört zusammen:
- das Tönen hilft, die Angst zu überwinden;
- jedes Ärgern über das Stottern, jeder Versuch, fließend sprechen zu wollen, bringt einem wieder von dem rechten Weg ab. Dazu zählt auch, kein Reden/Tönen und keine Situation zu vermeiden;
- Es gibt keine schwierigen Situationen, es gibt nur Situationen mit mehr Angst;
- es ist mir egal, was die Leute von mir denken oder wenn ich stottere;
- ich kann immer und überall ruhig bleiben und meinen Ton so machen, wie ich will.
Wir haben während dieser Woche viele Übungen gemacht, z. B. Vorträge gehalten oder fremde Menschen unter “Aufsicht einer Videokamera” angesprochen. So sollte jeder Einzelne an seinem Phlegma arbeiten, sich seine eigene “Sch…. egal – Stimmung” aufbauen und den Ton bewußt steuern. Gerade die Übungen in der “realen Welt”, die auf Video festgehalten wurden, waren für mich sehr wichtig – die Gewissheit zu haben, egal wie, wo, wann – ich kann meine Ruhe (be)halten
Mittlerweile sind fast 3 Wochen vergangen.
Es geht mir gut. Ich stottere zwar manchmal, ärgere mich aber nicht darüber, sondern versuche auch mit Hilfe von “Durch Nacht zum Licht” festzustellen, warum ich mich aus meiner Ruhe habe bringen lassen oder wieder an Buchstaben und Wörter gedacht habe. Das Wichtigste ist wirklich, an seinem Phlegma zu arbeiten, eine “Sch…. egal – Stimmung” sich aufzubauen und jedes Denken an Wörter oder Buchstaben als falsch anzusehen. Ich muss dabei noch viel extremer mit dem Ton spielen bzw. damit variieren und die noch vorhandenen Ängste immer wieder aufs Neue überwinden. Es wird noch einige Zeit brauchen – aber ich bin guter Hoffnung.
