Wer war Oskar Hausdörfer?

Hugo Heinrich Oskar Hausdörfer wurde als Sohn des Kaufmanns Hugo Hausdörfer am 20.11.1864 in Scheibenberg/Sächsisches Erzgebirge geboren. Bis zu seinem 14. Lebensjahr besuchte er die Volksschule in Scheibenberg. Anschließend trat er als Lehrling in ein Kolonialwarengeschäft in Leipzig ein. Er war zwei Jahre dort tätig. Später kam er nach Breslau, um beim Apotheker Pitsch (Drogenhandlung) seine vierjährige Lehrzeit zu beenden. Vom 18. bis zum 22. Lebensjahr war er bei Herrn Pitsch als Gehilfe tätig. Mit 22 Jahren machte sein Vorgesetzter ihn zu seinem Kompagnon. Von da ab führte er eine neu eingerichtete Drogerie allein. Bei seiner Eheschließung machte er sich selbständig, indem er eine eigene Drogerie eröffnete.

Bis zu seinem 20. Lebensjahr war Oskar Hausdörfer in seinem Verwandten- und Bekanntenkreis als sehr schwerer Stotterer bekannt. Er besuchte mehrere Anstalten, jedoch ohne jeden Erfolg. Als er merkte, dass ein anderer ihm nicht helfen konnte, versuchte er selbst Mittel und Wege zur Beseitigung seines Stotterns zu finden. Dies gelang ihm nach langem Grübeln und Forschen. Durch seine eigene Heilung wurde er, da ihn dauernd Angehörige stotternder Kinder und auch Erwachsener um Rat und Hilfe baten, sozusagen in den Beruf eines Sprachlehrers für Stotterer gedrängt. Dies führte allmählich zur Gründung seiner Sprechlehranstalt (am 20. November 1895). Naturgemäß musste er dadurch seinen ersten Beruf aufgeben.

Hausdörfer konnte große Erfolge nachweisen, nicht nur durch Dankschreiben ehemaliger Stotterer, sondern auch durch Gutachten und Urteile von Ärzten und Behörden. Diese wiesen ihm viele Jahre lang ständig Stotterer, Stammler und Lispler zu. Hieraus ergibt sich, dass die entsprechenden Stellen stets von der erfolgreichen Arbeit Hausdörfers überzeugt waren.
Oscar Hausdörfer hatte zwei Töchter und einen Sohn. Alle drei Kinder fingen früh an zu stottern. Sie wurden von ihrem Vater vollständig geheilt.
Bald nach Gründung seiner Anstalt stellte sich die Notwendigkeit heraus, Stotterern, die aus finanziellen oder dienstlichen Gründen nicht zur Therapie nach Breslau kommen konnten, anderweitig Hilfe anzubieten. Deshalb führte Hausdörfer einen sogenannten schriftlichen Unterricht ein und schrieb zur Durchführung desselben mehrere Werke, von denen ihm drei besonders wertvoll für die Sprechleidenden erschienen:

  • Das Buch „Warum stottere ich, trotzdem meine Sprechorgane gesund sind?“
  • Sein Lebenswerk „Durch Nacht zum Licht“ (Die vierte und letzte Auflage, von 1933, wurde neu herausgegeben von der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe und von Jan Heuvel ins Niederländische übersetzt).
  • Die Broschüre „Warum gibt es in Deutschland 11/2 Millionen Stotterer?“ (1938).
  • Diese Schriften wurden zu Beginn des Fernkurses den Schülern als Aufklärung und zur Einführung in die Lehre von Oscar Hausdörfer übersandt. Die Eltern sprechgestörter Kinder erhielten bei Teilnahme an den schriftlichen Kursen zunächst die erstgenannte Unterrichts- und Aufklärungsbroschüre. Jeder erhielt solange schriftliche Ratschläge und Belehrungen (auch in Form von Vorträgen, die er in seiner Anstalt stets persönlich hielt), bis der Sprechleidende nach seinem eigenen Urteil vollständig von seinem Fehler befreit war und Hausdörfer‘s Hilfe nicht mehr bedurfte. Dass nicht nur die persönliche Behandlung, sondern auch die Durchführung des schriftlichen Unterrichts große Anerkennung und vor allem Erfolg gebracht haben, geht hervor aus viele Dankschreiben und Gutachten, die uns heute noch vorliegen.

    In den dreißiger Jahren war es Hausdörfer‘s größtes Ziel, darauf hinzuwirken, dass staatliche Anstalten zur Befreiung der Stotterer von ihrem Leiden und zur Ausbildung von Ärzten und Lehrern in seiner einzig natürlichen Behandlungsmethode geschaffen würden und dass durch eine richtige Gestaltung des Schulunterrichts das Entstehen des Leidens von vornherein verhütet würde.
    Wegen schwerer Erkrankung musste Oscar Hausdörfer im Jahre 1942 seine Anstalt schließen. Daher war der Teilnahme am schriftlichen Unterricht umso größere Wichtigkeit für die Sprechgehemmten beizumessen.

    Im September 1944 begann Oscar Hausdörfer im Alter von 79 Jahren seine Autobiographie zu schreiben. Diese hat er, soweit uns bekannt, nicht vollendet. Ein großer Teil der hier genannten Informationen wurde der angefangenen Autobiographie entnommen.
    Im Januar 1945 wurde das Unternehmen der Familie Hausdörfer zwangsläufig stillgelegt durch die Ausweisung aus Breslau. Die Tochter Erna schrieb 1957:
    „Was das für uns bedeutete, vermag nur der zu ermessen, der das Lebenswerk meines Vaters kannte und wusste, wie sehr wir von unserer Aufgabe, den Stotterern ein Ratgeber und Helfer zu sein, erfüllt waren, denn erst nach mehrjähriger Unterbrechung haben wir wieder mit unserer Arbeit beginnen können.“

    Oskar Hausdörfer starb am 12. Dez. im Alter von 87 Jahren in Bad Godesberg. Die Tochter Erna hat nach dem Tode ihres Vaters sein Werk noch einige Jahre fortgesetzt. Obwohl die Wiedererrichtung einer Anstalt nach dem Kriege geplant war, ist diese nicht mehr zustande gekommen. Man konnte nur noch am schriftlichen Fernkurs teilnehmen. Erna Hausdörfer starb 1975 im Alter von 82 Jahren.